Das Programm von OFARIN

Der Verein OFARIN wurde 1996 gegründet. OFARIN ist die Abkürzung von „Organisation zur Förderung afghanischer regionaler Initiativen und Netzwerke“.

„Ofarin!“ bedeutet in den afghanischen Sprachen Dari und Paschtu „Prima!“ oder „Richtig!“.

2001 übernimmt OFARIN das seit 1998 von Dr. Peter Schwittek aufgebaute Programm elementaren Schulunterrichtes. Dieser Unterricht findet in Moscheen und Privatwohnungen statt und dauert täglich 90 Minuten. 30 Minuten davon sind Religionsunterricht, für den das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten, OFARINs Partnerministerium, verantwortlich ist.

Die Zusammenarbeit in den Moscheen ist freundschaftlich und konstruktiv. Vor 100 Jahren versuchte die afghanische Regierung, unterstützt von Bürgern, die ihr Land modernisieren wollten, einschneidende Reformen – Wehrpflicht, Justizreform, Schulpflicht – durchzusetzen, ohne die Bevölkerung vom Sinn dieser Neuerungen zu überzeugen. Die islamische Geistlichkeit drohte dabei an Einfluss zu verlieren und setzte sich an die Spitze der Reformgegner. Es folgten blutige Auseinandersetzungen – Putsch und Vertreibung der Kommunisten, Bürgerkrieg der Sieger, Taliban-Herrschaft – die klarmachten, dass man in Afghanistan nur im Einverständnis mit den Mullahs Fortschritt erzielen kann. OFARIN zeigt, dass das möglich ist.

2006 wurde OFARIN mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet.

Für Anfänger beginnt der Unterricht bei OFARIN mit einem Alphabetisierungskurs, der täglich die ganze Stunde in OFARINs Verantwortung in Anspruch nimmt. Nach einem guten Jahr können die Schüler schreiben und mit Verständnis lesen. Damit kann der nachfolgende Unterricht weitgehend auf schriftliches Unterrichtsmaterial gestützt werden. Das entlastet OFARINs Lehrkräfte, die selber nur für ihre Unterrichtstätigkeit angelernt wurden.

Danach werden im weiterführenden Muttersprachenunterricht täglich dreißig Minuten andere Schriften, grammatische Grundbegriffe und die alphabetische Ordnung geübt. In der anderen halben Stunde wird Mathematik gelehrt. Einige geometrische Formen werden behandelt und die Grundrechenarten innerhalb der natürlichen Zahlen werden erarbeitet.

Fest angestellte „Trainer“ betreuen OFARINs Unterricht. Sie besuchen häufig die Klassen und berichten darüber im OFARIN-Büro. Sie nehmen an der Ausarbeitung neuen Unterrichtsmaterials teil und bereiten die Lehrkräfte in Seminaren auf das Unterrichten neuer Stoffgebiete vor. Der Einsatz der Trainer macht OFARINs Programm relativ teuer. Aber das Zusammenspiel der Trainer mit den Lehrkräften auf der Basis gut abgestimmten Unterrichtsmaterials sorgt für ein gleichmäßig hohes Niveau des Unterrichts.

Es ist vorgesehen, dieses Programm zu einem „Volksschulprogramm“ zu erweitern, in dem innerhalb von sechs oder acht Jahren auch das Bruchrechnen und der Dreisatz, sowie das selbständige Schreiben von Berichten und Briefen geübt wird, so dass Absolventen dieses Programmes über eine solide Grundlage für nicht-akademische Tätigkeiten verfügen.

2017 besuchten 9.000 Schülerinnen und Schüler den Unterricht. Dann stellte Misereor, der Hauptgeldgeber, seine Unterstützung für OFARIN ein. Begründung: Die Sicherheitslage in Afghanistan mache es Misereor zu schwer, eigenes Personal in die Projekte zu schicken. Lehrer und Trainer wurden entlassen. Die Löhne mussten reduziert werden. OFARIN konnte nur noch knapp 4.000 Schüler in Kabul, Logar, Pandschir und Parvan unterrichten.

In dieser Situation zeigte sich, was das Programm für die Betroffenen bedeutet. Über fünfzig entlassene Lehrkräfte arbeiteten unbezahlt weiter. Die Menschen wollten so viel wie möglich von OFARINs Programm für ihre Heimat bewahren. Schließlich ist OFARINs Unterricht jedem anderen Unterricht in Afghanistan überlegen. Das Programm schuf bei den Betroffenen und ihrem Umfeld aber auch Hoffnung und Selbstbewusstsein.

Beim Aufbau des Unterrichtes folgt OFARIN dem gesunden Menschenverstand: Wenn eine Reihe von Buchstaben durchgenommen ist und damit Wörter gebildet werden können, kann ein weiterer Buchstabe eingeführt werden, und man kann mit diesem Buchstaben und allen davor eingeführten neue Wörter bilden. Wenn Schüler zwei zweistellige Zahlen schriftlich addieren können, werden sie auch die schriftliche Addition von mehr als zwei Zahlen verstehen und auch leicht drei- und vierstellige Zahlen schriftlich addieren lernen. So ist der gesamte Unterrichtsstoff von OFARIN aufgebaut. Neues fällt leicht, wenn das Vorangehende beherrscht wird und wenn ein neuer Lernschritt das Verständnisvermögen der Schüler nicht überfordert. Dieses Vorgehen ist in „natürlicher Weise“ vorgegeben. Und es ist erfolgreich.

Dagegen sind die Lernerfolge der staatlichen Schulen dürftig. Abiturienten verstehen einfache Texte nicht. Additionen und Subtraktionen von zwei- oder mehrstelligen Zahlen gelingen nicht. Ein Provinzgouverneur stöhnt: Kein Einwohner seiner Provinz weiß, was der Durchschnitt zweier Zahlen ist. Dabei wird der Unterricht in den Gebieten unter Kontrolle der Kabuler Regierung weder durch politische noch durch religiöse Kräfte behindert. Von westlichen Organisationen wie US-AID oder der deutschen GIZ wird er durch Lehrerfortbildungen und ähnliche Veranstaltungen gefördert. Dennoch ist das Niveau der staatlichen Schulen und auch der Privatschulen schlecht. Die Vorschriften, nach denen die Lehrkräfte dort arbeiten müssen, sind absurd: Der Rechenunterricht der ersten Klasse beginnt damit, dass die Kinder die Zahlen 1 bis 10 in Buchstaben schreiben lernen – noch bevor im Muttersprachenunterricht die nötigen Buchstaben durchgenommen wurden. Der Lehrer darf ausdrücklich keine Rücksicht darauf nehmen, ob seine Schüler den Stoff „können“ oder nicht. Wenn der Lehrer das Stoffpensum des Jahres nicht schafft (zu viele Unterrichtsausfälle wegen politischer und religiöser Feiertage oder aus Sicherheitsgründen) darf der fehlende Stoff im nächsten Schuljahr nicht nachgeholt werden. Solche Vorschriften kommen aus dem Erziehungsministerium und nicht, wie man vielleicht denkt, von einem Kasernenhof. Die afghanische Unterrichtsverwaltung „kann Schule nicht“. Fachpersonal, das das ändern könnte, gibt es nicht.

Dagegen ist OFARIN erwiesenermaßen fähig, erfolgreichen Schulunterricht zu organisieren. Dieses Können verpflichtet. Natürlich kann der Unterricht der staatlichen Schulen nicht sofort durch OFARIN-Unterricht ersetzt werden, etwa durch den oben skizzierten Volksschulunterricht. OFARINs Programm sollte inhaltlich und geografisch ausgeweitet werden. Das Programm in seiner jetzigen Größe kostet 200.000 $ im Jahr. Für die Ausdehnung sind jährlich weitere 100.000 $ zu veranschlagen. Mehr ist unrealistisch, da viel Personal geschult und Material ausgearbeitet werden muss. Nach drei bis vier Jahren wäre OFARINs Programm so groß, dass es öffentlich wahrgenommen wird. Eine Diskussion der Unterrichtsmethoden entstünde. Es könnten Wege gefunden werden, das staatliche Schulwesen umzugestalten.

 

 

Randersacker, 21.8.2019                                                                                                                                                           Peter Schwittek.