Die öffentlichen Schulen Afghanistans

 

In Rundbriefen und sonstigen Berichten hatte ich behauptet, dass die meisten Kabuler Abiturienten Analphabeten seien. Vielleicht könnten sie nach zwölf Schuljahren einige Wörter entziffern, aber ganze Texte verstünden sie nicht. Die Rechenkünste gingen bei der Mehrheit der Absolventen der Gymnasien nicht über die Addition und Subtraktion einstelliger Zahlen hinaus. Solche Befunde beruhten auf den Erfahrungen von meinen Kollegen und mir. Immerhin beschäftigen wir gut 40 Angestellte und rund 550 Lehrkräfte. Auch Gespräche mit Lehrern und Eltern bestätigten die Einschätzungen, ebenso wie Berichte von Entwicklungshelfern, die in der Schul- oder Berufsausbildung tätig sind.

Dennoch war mir nie ganz wohl dabei, wenn ich solche Aussagen über afghanische Schulen machte. Ich konnte es nämlich selber kaum glauben: Zwölf Jahre Schule in denen nichts – absolut nichts – gelernt wird. Das war auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Menschen in Europa stellen sich unter Schulen eben Schulen vor, nämlich Schulen wie die, in die sie selber gegangen sind. Wie können mir Menschen in Europa abnehmen, dass man in Afghanistan in zwölf Schuljahren nichts lernt, wenn ich selber Mühe habe, das zu begreifen, obwohl ich dort lebe? Auch deutsche Landsleute, die in Afghanistan andere Pflichten erfüllen, etwa Entwicklungshelfer aus dem Gesundheitswesen oder der Landwirtschaft, Soldaten oder Diplomaten, waren verblüfft, wenn ich aus dem Nähkästchen plauderte. Mancher dürfte meine Geschichten als Teil der Selbstdarstellung von OFARIN abgebucht haben: „Na klar, der muss ja die staatlichen Schulen schlecht machen, damit die von OFARIN umso prächtiger dastehen.“

Als der ARTE-Film gedreht wurde, ging es auch darum, den Unterschied zwischen OFARINs Schulen und den staatlichen Schulen aufzuzeigen und zu belegen. Wir sprachen mit afghanischen Schulpraktikern, etwa mit der Leiterin der Unterstufe eines Gymnasiums.

Alle berichteten, dass sie einen fest vorgegebenen Unterrichtsplan einhalten müssen. Dabei dürfe keine Rücksicht darauf genommen werden, ob die Schüler verstünden, was unterrichtet wird. Wiederholung von Stoff, den die Schüler offensichtlich nicht begriffen haben, sei verboten. Meist sei der Lehrer aber nicht in der Lage, den Stoff, der für ein Jahr vorgeschrieben sei, durchzunehmen. Im Laufe eines Jahres werden die Schulen immer wieder vorübergehend geschlossen – aus Sicherheitsgründen, wegen religiöser oder staatlicher Feiertage, weil es zu heiß oder zu kalt ist. Der Stoff, der am Ende des Schuljahres nicht durchgenommen wurde, darf später nicht nachgeholt werden.

Wir sahen uns Schulbücher an: In der Fibel, mit der die Schüler ihre Muttersprache lesen und schreiben lernen sollen, wird als erstes der Buchstabe Alef eingeführt. Das geschieht durch Texte, in denen auch alle anderen Buchstaben benutzt werden, obwohl sie den Schülern noch unbekannt sind. Das Alef ist nur dadurch hervorgehoben, dass es rot gedruckt ist.

Die arabische Schrift sowie die davon abgeleiteten Schriften der afghanischen Sprachen Dari und Paschtu werden von rechts nach links geschrieben. In diesen Schriften muss innerhalb eines Wortes nach ganz bestimmten Buchstaben nach links hin ein Abstand zum nächsten Buchstaben eingehalten werden. Nach allen anderen Buchstaben darf das nicht sein. Die Erwähnung dieser wichtigen Regel im Unterricht ist nicht vorgesehen und also nicht erlaubt.

Der Rechenunterricht beginnt damit, dass die Schüler die Zahlen von eins bis zehn mit Buchstaben schreiben und dann lesen müssen, obwohl sie noch fast keinen Buchstaben kennen.

Was für Verantwortliche denken sich solche Regeln aus? Wie stellen die sich vor, dass das Verstehen und Lernen des Menschen funktioniert?

Die genannte Unterstufendirektorin berichtete, dass jede ihrer Anfängerklassen von 70 und mehr Schülern besucht wird. Wie sehr man diese Zustände verallgemeinern muss, weiß ich nicht. Aber Klagen über Überbelegung hört man häufig. Die meisten Schulgebäude werden in drei Schichten benutzt. Wegen der hohen Geburtenraten kommt das Land mit dem Bau von ausreichend Schulgebäuden nicht nach. Hinzu kommt, dass alle afghanischen Schulen im Prinzip Gymnasien mit zwölf Jahrgangsstufen sind. Wird heute eine neue Grundschule mit sechs Jahrgangsklassen eröffnet, ist in sechs Jahren daraus ein Gymnasium geworden. Die Schüler sitzen Klasse für Klasse ab, weil sie keine berufliche Beschäftigung finden. Ihnen bleibt nur die vage Hoffnung auf einen Posten im Staatsdienst. Voraussetzung für den Eintritt in den öffentlichen Dienst ist das Absitzen von neun, möglichst zwölf Schulklassen.

Eine Lehrerin, die noch zur Zeit der Kommunisten ausgebildet worden war, behauptete, zu ihrer Zeit sei die Lehrerausbildung besser gewesen. Auch deutsche Entwicklungshelfer, die vor Krieg und Bürgerkrieg an pädagogischen Hochschulen unterrichtet haben, erinnern sich daran, dass die Lehrer in den siebziger Jahren solide vorbereitet wurden. Heute werden die Lehrer nur für ein Fach geschult, müssen aber viele Fächer unterrichten. Schon früher konnte die Lehrerausbildung nicht mit der schnellen Ausweitung des Schulsystems mithalten. Die Schulen rekrutierten die meisten Lehrkräfte aus der eigenen Schülerschaft. Absolventen der neunten Klasse unterrichteten in der Mittelstufe und später auch in der Oberstufe. Auch heute seien sehr viele Lehrer nicht ausgebildet. Sie würden auf Grund von Schmiergeldzahlungen eingestellt. Oft handele es sich um Analphabeten.

Lehrer sagen ehrlich, dass sie unter den gegebenen Umständen den Schülern nichts beibringen können. Viele halten oft nicht ihren Unterricht. Die Beamten der Schulverwaltungen haben es längst aufgegeben, die Schulen zu beaufsichtigen. „Es bringt ja doch nichts.“ Wer Erziehungsminister wird, empfindet das als Demütigung. Verteidigungs- oder Außenminister, das wird man gerne. Aber als Erziehungsminister ist man einer Behörde vorgesetzt, von der jeder weiß, dass sie nichts leistet. Wie soll man das als Minister ändern? Niemand weiß Rat. Der Erziehungsminister kann nur das tun, was alle seine Beamten und Lehrer schon lange getan haben: Resignieren.

Die Kommunisten gaben die Macht 1992 ab. Danach begann ein Bürgerkrieg. Dann herrschten in den meisten Landesteilen die Taliban. Nennenswerten Schulunterricht gab es in dieser Zeit kaum. 2001 wurden die Taliban vertrieben.

Was für Personal stand 2002 für den Wiederaufbau des Schulwesens zur Verfügung? Es gab viele Kriegskommandanten. Alle hatten reichlich Gefolgsleute, die versorgt werden mussten. Es gab Verwaltungsbeamte, die unter den fragwürdigsten Regimen gedient hatten. Vom Unterrichten verstand niemand etwas. Nur wenige schlechte Schulen kümmerten dahin. Es lag auf der Hand, dass Afghanistan „Schule nicht konnte“. Afghanistan hätte viele tüchtige Fachleute gebraucht, um ein funktionierendes Schulwesen aufzubauen und zu steuern. Diese Spezialisten hätten entgegen allen afghanischen Gepflogenheiten konstruktiv zusammenarbeiten müssen. Woher sollte Afghanistan diese Fachleute nehmen?

Ein Beamter des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) protestiert gegen meine Feststellung, dass die afghanischen Schulen sehr leistungsschwach seien. Die Schulen hätten sich in den letzten Jahren sehr gebessert.  2001 seien nur eine Million afghanische Kinder in die Schulen gegangen und 2016 seien es neun Millionen gewesen. Abgesehen davon, dass damit nichts über die Unterrichtsqualität ausgesagt ist, wurden bei den Schülerzahlen Äpfel mit Birnen verglichen. 2001 ließen die Taliban keine Mädchen in die Schule gehen. Und von den neun Millionen afghanischen Kindern, gingen 2016 zwei Millionen im Iran und in Pakistan in die Schule – ähnlich viele dürften es aber auch 2001 gewesen sein. Da war unser gutgläubiger Verwalter auf eine schrille Auskunft des damaligen Erziehungsministers reingefallen.

Seit 2002 wird der gesamte Staatsdienst Afghanistans, also auch das Schulwesen, von der internationalen Gemeinschaft finanziert. Wie kommt es, dass das Ausland den öffentlichen Dienst Afghanistans bezahlt, aber nicht überprüft, wie der afghanische Staat seine Aufgaben erledigt? Die internationale Gemeinschaft lässt ja nicht nur das Schulwesen mit dem von ihr zur Verfügung gestellten Geld allein. Sie finanziert auch die gesamte Verwaltung ohne ihr zu sagen, dass sie eine Agentur ist, die für das Wohl der Bürger zu sorgen hat.

Gerne wird das damit erklärt, dass es sich z.B. beim Schulunterricht um eine innere Angelegenheit Afghanistans handelt. Sich dort einzumischen, verstieße gegen die Souveränität des Landes. Der afghanische Bürger hätte aber keine Probleme mit mehr vorübergehender ausländischer Einmischung, wenn er dafür eine bessere Verwaltung, eine funktionierende Polizei, ordentliche Krankenhäuser und Schulen bekäme, in denen die Kinder etwas lernen.

Mir scheint dieser Respekt vor der Souveränität nur ein Vorwand zu sein, um weiteren kostspieligen Aufwand zu vermeiden. Denn natürlich kann das Schulwesen Afghanistans nur mit erheblichem Einsatz ausländischen Personals funktionstüchtig gemacht werden.

So bleiben die Schulen frei von ausländischer Einmischung. Das Ausland engagiert sich nur in Randbereichen. Es baut Schulgebäude und bietet Lehrerfortbildungen an. Diese haben in aller Regel keinen Bezug zur Unterrichtspraxis und keinen Einfluss darauf. Der eigentliche Unterricht genießt den Schutz der Souveränität. Das Erziehungsministerium verstand, dass kein Geldgeber genau hinsehen wollte, und musste sich sein Unterrichtswesen souverän selber basteln. So kam es zu den unsäglichen Bestimmungen, die die Unterrichtsabläufe steuern und zu den unbrauchbaren Schulbüchern, von denen oben berichtet wurde – und dazu, dass ein großer Teil der Jugend Afghanistans zwölf Jahre lang sinnlos dahindämmert.


 

Kabul im Mai 2018 Peter Schwittek